Systemischer Ansatz und traumaorientierte Beratung

von Cora Bures

Wie können systemische Aspekte – die Wirklichkeitskonstruktion als Denkansatz - in der traumazentrierten Beratung genutzt werden?
Als Beraterin an einer Fachberatungsstelle, die Hilfe gegen sexuellen Missbrauch anbietet, bin ich mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im Kontakt, die direkt von sexuellem Missbrauch betroffen oder sekundär traumatisiert sind.

Die Verbindung zwischen dem systemischen und dem traumazentrierten Ansatz sehe ich als Herausforderung und gleichzeitig als große Chance im Sinne der Fachberatung. In der fachlichen Auseinandersetzung fällt auf, dass die Unterschiedlichkeiten zwischen beiden Ansätzen betont werden. Während in der traumaorientierten Beratung die Orientierung am Klienten, an der Klientin im Vordergrund steht, hat in der systemischen Beratung der Perspektivenwechsel einen besonderen Stellenwert. Die unterschiedlichen Sichtweisen betreffen ebenso die Art und Weise, wie eine Problemsituation definiert und Lösungsansätze entwickelt werden. Die Beratung und Begleitung von Menschen mit traumatischen Erfahrungen könnte davon profitieren, beide Sichtweisen im Blick zu haben und somit auch der Komplexität des Themas gerecht zu werden.

Was ist ein Trauma?
Der Begriff Trauma stammt aus dem Griechischen und bedeutet im Ursprung Verletzung (vgl. Fischer & Riedesser 2009, S. 24). Im medizinischen Bereich werden nach wie vor körperliche Verletzungen als Traumata bezeichnet. Psychotrauma bezeichnet im Unterschied dazu die seelische Verwundung. Dennoch werden die Begriffe nicht konsequenterweise in dieser Unterscheidung benutzt. Es wird von Trauma und Traumatisierung gesprochen, auch wenn es sich um Ereignisse bzw. Reaktionen handelt, die psychische Spuren hinterlassen (vgl. Hantke und Görges 2012, S. 53).

Korittko und Pleyer weisen auf die Unterscheidung zwischen Belastung und Trauma hin: „Traumatische Erlebnisse unterscheiden sich von anderen individuellen und familiären Stressoren dadurch, dass sie in ihrer außergewöhnlichen Bedrohung bei gleichzeitig nicht möglicher Flucht oder Gegenwehr die normalen Stressverarbeitungsmechanismen bei nahezu jedem überfordern“ (vgl. Korittko & Pleyer 2014, S. 34).

Die Definition von Fischer und Riedesser verdeutlicht, dass ein Trauma nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv betrachtet werden muss. Es stellt sich die Frage, ob von einem traumatischen Ereignis oder Erlebnis gesprochen werden kann. Diese Überlegung, dass das Trauma nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv betrachtet werden muss, bezieht die philosophische Dimension ein: „Psychische Traumatisierung lässt sich definieren als vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen wie Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt“ (ebd., S. 395). Daraus kann der Rückschluss gezogen werden, dass die Situationen nicht objektiv bedrohlich sein müssen. Es genügt wenn die Person die Lage als bedrohlich wahrnimmt und bewertet.

Auswirkungen von Traumata
„Traumata können jeden treffen. Auswirkungen und Langzeitfolgen hängen von vielfältigen Faktoren ab, u. a. von der überwältigenden Wucht und von der individuellen Widerstandskraft (Resilienz) – aber auch davon, ob mitfühlende Menschen helfend und tröstend lange genug und taktvoll zur Seite stehen“ (Beckrath-Wilking 2013, S. 19). Die Individualität des Erlebens und die systemischen Faktoren sind somit ausschlaggebend für das Ausmaß der Folgen.

Die Erforschung der Traumatisierung und deren Folgen – die Psychotraumatologie – hat noch keine lange Geschichte. Die bewusste Wahrnehmung von Traumafolgen in pädagogischen, therapeutischen und medizinischen Kontexten führt jedoch zunehmend dazu, dass der Bedarf an Qualifikation erkennbar ist. Nicht nur in der Beratung, sondern auch im Bereich Bildung oder Pflege, können Verhaltensweisen von Menschen mit traumatischen Erfahrungen, gewohnte Vorgehensweisen blockieren bzw. es kann eine Retraumatisierung ausgelöst werden. Fachwissen hilft entsprechend reagieren zu können.

In der Beratung von Menschen, die z. B. von sexuellem Missbrauch betroffen sind, fällt auf, dass sie sehr unterschiedlich mit ihren Belastungen umgehen. Die Menschen haben eine subjektive Sicht auf das traumatische Erlebnis und auf die aktuelle Situation. Der Mensch erlebt und interpretiert die Situation aus seinem Lebenskontext heraus. Die bisherigen Erfahrungen beeinflussen die Verarbeitung von Traumata und somit auch die Folgen. Die Reaktionen aus dem Umfeld können bisherige Erfahrungen der Hilflosigkeit verstärken, ein wertschätzender, ressourcenorientierter Umgang mit den betroffenen Menschen kann dazu beitragen, neue Handlungsweisen zu entwickeln und somit auch neue, stärkende Erfahrungen.

Wirklichkeitskonstruktion
Die Erkenntnis, dass die Welt nicht so ist, wie sie gesehen wird, wird von den chilenischen Biologen und Erkenntnistheoretikern Humberto Maturana und Francisco Varela in ihrem Buch Der Baum der Erkenntnis sehr eindrücklich dargestellt:

„Wir sehen nicht den ‚Raum‘ der Welt, sondern wir erleben unser visuelles Feld; wir sehen nicht die ‚Farben‘ der Welt, sondern wir erleben unseren chromatischen Raum. Dennoch sind wir ohne Zweifel in einer Welt. Aber wenn wir näher untersuchen, wie wir dazu kommen, diese Welt zu erkennen, werden wir immer wieder finden, daß wir die Geschichte unserer biologischen und sozialen Handlungen von dem, wie uns die Welt erscheint, nicht trennen können“ (Maturana & Varela 2012, S. 28).

Die Erkenntnisse der Neurobiologie bestätigen diese Behauptung, dass Wirklichkeit die subjektive Wirklichkeit, aber nicht die objektive Realität ist. Es gibt eine Wechselwirkung zwischen Unterbewusstem und Bewusstsein, zwischen den Prozessen im Gehirn und den Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühlen. Psyche und Gehirn sind demnach eng verbunden (vgl. Roth & Strüber, 2014, S. 17).

Wenn nun die Wirklichkeit aus dem subjektiven Erleben heraus entsteht, gibt es dennoch Wahrnehmungen, die sich ähneln, die sich wiederholen. Die subjektive Wahrnehmung wird mithilfe von kognitiven Mustern, wie z. B. mit Begriffen und Regeln, einsortiert. Wenn diese Muster auch mit Wahrnehmungen der anderen übereinstimmen, sich Modelle realisieren lassen, spricht von Glasersfeld von einer objektiven Wirklichkeit (vgl. von Glasersfeld, 2014, S. 36 f.).

Damit die Situation von traumatisierten Menschen begreifbar wird, kann der Denkansatz der subjektiven und objektiven Wirklichkeit hilfreich sein. Die traumatische Wirklichkeit des Klienten, der Klientin kann mit Hilfe von objektiven, diagnostischen Sichtweisen nachvollzogen werden. Und es kann von der Wirklichkeit des Klienten und des Beraters gesprochen werden, ohne den Anspruch zu erheben, dass es nur die eine oder andere Wirklichkeit gibt. Die Metaebene und der Perspektivenwechsel ermöglicht es, die Weltsicht des anderen zu verstehen.

Was bedeutet dies nun für die Traumazentrierte Beratung?
Die Wirklichkeitskonstruktion als Denkmodell in der Traumazentrierten Beratung führt zu folgenden Erkenntnissen:

  • Die Wirklichkeitskonstruktion der Berater und der Klienten ist subjektiv. Objektive Modelle und Erklärungen können Orientierung und somit Sicherheit und Halt geben.
  • Die einseitige Fokussierung auf die Subjektivität oder auf die Objektivität kann wiederum verunsichern und überfordern. Die Diskrepanz zwischen der objektiven Diagnostik und dem subjektiven Erleben sollte mitbedacht werden.
  • Die subjektive Sichtweise ermöglicht den Fokus auf die Ressourcen. Dabei darf jedoch nicht der Blick auf das individuelle Leid verloren werden.
  • Das Trauma wird zwar von individuellen und sozialen Faktoren verstärkt, jedoch nicht verursacht. Dennoch entstehen in der Folge Probleme, die wiederum subjektiv wahrgenommen werden (vgl. Bures 2016).

 

Daraus ergeben sich praktische Erkenntnisse für Berater*in und Klient*in:

Beim Sammeln von Informationen über die traumatische Vergangenheit bzw. bei der Schilderung der Erfahrungen sollte beachtet werden, dass beide Seiten eine subjektive Wahrnehmung haben. Probleme und Folgestörungen können von allen Beteiligten – Beraterin, Klient und Umfeld – sehr unterschiedlich wahrgenommen werden.

Klient*in: Meine Schilderung wird ernstgenommen und ich fühle mich gesehen. Gleichzeitig bekomme ich aber auch die Möglichkeit, die Problematik aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen, um wieder handlungsfähig zu werden.

Berater*in: Die traumatische Erfahrung des Klienten, der Klientin, ist Ausgangspunkt der Beratung. Die subjektive Sichtweise des Beraters, der Beraterin kann als Ergänzung angeboten werden, aber ersetzt nicht die subjektive Wahrnehmung der Klienten. Psychohygiene ist eine wichtige Komponente für den Umgang mit dieser Thematik in der Beratung. In Einzelcoaching und Supervision können eigene blinde Flecken angeschaut und somit auf der Metaebene die subjektive Wahrnehmung der Klienten wertgeschätzt und entsprechende Rückschlüsse gezogen werden für den weiteren Beratungsverlauf.

Die Formulierung des Auftrags und der Ziele können zu einer Orientierung beitragen und sollten so dargestellt werden, dass die unterschiedlichen Wahrnehmungen mit einbezogen werden.

Klient*in: Ziele und Aufträge, die an meiner Situation orientiert sind, kann ich nachvollziehen. Darstellungen helfen mir, die Vorschläge des Beraters, der Beraterin nachzuvollziehen, aber auch zu hinterfragen.

Berater*in: Mit Visuellen Darstellungen und systemischen Methoden, wie z.B. Aufstellungen und Skalierung, kann es besser gelingen, die unterschiedlichen Wahrnehmungen immer wieder abzugleichen.

Traumafolgestörungen und entsprechende Diagnosen können die Betroffenen und deren Umfeld sehr verunsichern. Der Berater, die Beraterin kann mit Fachwissen dazu beitragen, dass das veränderte Verhalten und somit die Folgen verstanden wird.

Klient*in: Diagnosen, die nachvollziehbar sind, helfen mir diese veränderte Weltsicht und die daraus folgenden Verhaltensweisen, die sich durch die traumatische Erfahrung entwickelt haben, anzunehmen und zu verstehen.

Berater*in: Psychoedukation ist ein wichtiger Bestandteil der traumazentrierten Fachberatung. Klienten, die in ihrer Selbstachtung und Autonomie gestärkt werden, können Handlungsstrategien entwickeln. Es ist jedoch auch hier unerlässlich, immer wieder den Blickwinkel des Klienten, der Klientin einzunehmen. Überforderung kann zur Retraumatisierung führen.

Weiterführende Gedanken
Der bewusste Umgang mit der Wirklichkeitskonstruktion bietet Chancen für traumazentrierte Beratung, aber auch in anderen Kontexten. Die spezielle Situation eines traumatisierten Menschen im Beratungskontext kann herausfordernd sein und darf nicht aus dem Blick in der Beratung geraten. Wenn in der Beratung die subjektive Wirklichkeit des Klienten – ein traumatisches Erlebnis - nicht wahrgenommen wird, erschwert dies eine erfolgreiche Weiterentwicklung im Beratungskontext.

Die systemische Sichtweise verdeutlicht, dass es nicht nur die eine, sondern auch die andere Seite gibt. Es braucht die Vielfalt der Wirklichkeiten. Die Orientierung an den Wirklichkeiten bedarf z. B. die Einbeziehung von kulturspezifischen oder auch altersspezifischen Kriterien. Auch die Erkenntnis, dass die Wirklichkeitskonstruktionen der sozialen Systeme Einfluss auf den einzelnen Menschen haben, führt zu weiteren Fragestellungen: Wie wirken sich z. B. Traumata in einem familiären System oder in der nächsten Generation aus? Welche Auswirkungen haben Gewalterfahrungen wie z. B. Terroranschläge, die eine ganze Gesellschaft betreffen, und wie kann damit in der Traumaberatung umgegangen werden? (Bures 2016)

Ausblick und Angebot
Diese Ausführungen, die Auszüge aus der unveröffentlichten Masterarbeit beinhalten – „Systemisch orientierte Traumaberatung – Chancen und Risiken für Klienten und Berater. Die Bedeutung von Wirklichkeitskonstruktion und Perspektivenwechsel in der traumazentrierten Beratung“ – sollen einen kleinen Einblick in die Thematik geben.

Bitte melden Sie sich bei weiterem Interesse an dieser Thematik bzw. an Einzelcoaching, Beratung und Supervision bei:
info@kks-beratungen.de

Literatur

Beckrath-Wilking, U., Biberacher, M., Dittmar, V., & Wolf-Schmid, R. (2013). Traumafachberatung, Traumatherapie & Traumapädagogik. Ein Handbuch für Psychotraumatologie im beratenden, therapeutischen & pädagogischen Kontext. Paderborn: Junfermann Verlag.

Bures, C. (2016). Systemisch orientierte Traumaberatung - Chancen und Risiken für Klient und Berater. Die Bedeutung von Wirklichkeitskonstruktion und Perspektivenwechsel in der traumazentrierten Beratung. Unveröffentliche Masterarbeit. Studiengang Systemische Beratung. TU Kaiserslautern.

Fischer, G., & Riedesser, P. (2009). Lehrbuch der Psychotraumatologie. München, Basel: Ernst Reinhardt. 4. aktualisierte und erweiterte Auflage.

Hantke, L., & Görges, H. J. (2012). Handbuch Traumakompetenz. Basiswissen für Therapie, Beratung und Pädagogik. Paderborn: Junfermann.

Korittko, A., & Pleyer, A. (2014). Traumatischer Stress in der Familie; Systemtherapeutische Lösungswege. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht; 4. überarbeitete Auflage.

Maturana, H., & Varela, F. (2012). Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Frankfurt a. M.: Fischer. 5. Auflage.

Roth, G., & Strüber, N. (2014). Wie das Gehirn die Seele macht. Stuttgart: Klett-Cotta.

von Glasersfeld, E. (2014). Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität. In H. von Foerster, E. von Glasersfeld, P. M. Hejl, S. J. Schmidt, & P. Watzlawick, Einführung in den Konstruktivismus (S. 9-39). München: Piper.