Systemische Beratung im virtuellen Raum

von Brigitte Schlagintweit

Kann das funktionieren?
Die Herausforderungen Chancen und Möglichkeiten

Die Lebenswelten und Kommunikationsgewohnheiten haben sich mit dem Internet nachhaltig verändert. Die Kommunikation über technische Hilfsmittel (Mobiltelefone, Tablet, Computer usw.) ist ein Teil der Alltagskommunikation geworden.

Auch in der Beratung kommt diese Art der Kommunikation immer häufiger zum Einsatz. Online-Beratung hat sich inzwischen als eigenständiges Beratungsangebot etabliert, darunter auch die avatarbasierte Beratung in einer virtuellen Welt. Aber kann diese Art der Beratung, in der sich Kunde und Berater nicht persönlich gegenübersitzen, überhaupt erfolgreich sein? Welche Herausforderungen und Grenzen, aber auch Möglichkeiten und Chancen können sich bei einer systemischen Beratung im virtuellen Raum ergeben?

Um diese beiden Fragen beantworten zu können ist zunächst zu klären, was unter Beratung in virtuellen 3-D-Räumen (Virtual Reality, abgekürzt VR) zu verstehen ist. Hier bewegen sich Berater und Kunde mithilfe von Avataren (Repräsentanten) in Echtzeit und interagieren gemeinsam. Die Beteiligten können sich dabei direkt über ein Mikrofon miteinander verständigen, sehen aber nur den jeweiligen Avatar. In den Räumen können u. a. interaktive Elemente wie ein Whiteboard oder Figuren zur Aufstellungsarbeit ergänzend zur Verfügung stehen.

Ein Beispiel für die Umsetzung einer virtuellen Beratungswelt ist in Abb. 1 zu sehen.

Abb. 1: Beispiel für eine virtuelle Beratungswelt mit Avataren: Vorraum (oben links), Hauptraum (oben rechts), Raum für Aufstellungen (unten links) und im Freien (unten rechts)  Quelle: www.TriCAT.de, aus Webseite übernommen

Im Folgenden wird diese Form der Beratung als VR-Beratung in Abgrenzung zur herkömmlichen Face-to-Face-Beratung (FtF-Beratung) bezeichnet.

Jede Beratung, auch die VR-Beratung braucht im psychosozialen Kontext immer menschliche Beteiligung, also eine Beziehung zwischen Berater und Kunden, um eine Lösung zum Anliegen der Kunden entwickeln zu können. Die Beratung ist also niemals virtuell, nur das Setting ist es, da sie als eine computervermittelte Kommunikation (CvK) im Internet stattfindet.

Der grundsätzliche Ablauf einer VR-Beratung unterscheidet sich nicht wesentlich von einer FtF-Beratung. Der zeitliche Rahmen beträgt je Sitzung bei Einzelberatungen meist 60 bis 70 Minuten und bei Gruppenberatung 90 Minuten. Unterschiede ergeben sich durch den Umgang mit der Technik, der schon vor der Beratung vom Kunden eingeübt werden sollte, um bei dem Beratungstermin direkt mit der inhaltlichen Arbeit beginnen zu können.

Herausforderungen und Grenzen

Die VR-Beratung wird sowohl von der zum Einsatz kommenden Software als auch von den technischen Rahmenbedingungen geprägt.

Der Beratungsprozess und dessen Methodeneinsatz werden maßgeblich von den Möglichkeiten determiniert, die die Software bietet. Aufstellungen oder Timeline beispielsweise können während der Beratung nur zum Einsatz kommen, wenn diese Methoden durch die Software auch unterstützt werden.

Einfluss auf den Beratungsprozess hat auch die Usability, also die Bedienbarkeit der Software. Ist die Bedienung nicht weitgehend selbsterklärend möglich, kann es zu Irritationen und Verzögerungen kommen. Bei Fehlbedienung durch den Kunden kann es z. B. passieren, dass die VR unbeabsichtigt verlassen wird und die Beratung erst dann fortgesetzt werden kann, wenn der Kunde wieder eingeloggt ist.

Passen die technischen Rahmenbedingungen nicht, weil z. B. die Bandbreite für den Internetzugang zu gering ist, kann eine Beratung unmöglich werden, weil u. U. Audiosignale nur noch abgehackt zu hören sind oder sich der Avatar nicht mehr bewegen lässt. Es kann also die Gefahr bestehen, einen Großteil der Zeit und Energie in die Beherrschung der technischen Rahmenbedingungen investieren zu müssen, wodurch die eigentliche Beratung in den Hintergrund tritt.

Außerdem müssen vorab grundsätzliche Fragen zum Datenschutz und zur Datensicherheit geklärt sein. Beratung in der VR muss im vertraulichen und vor Hackerangriffen geschützten Rahmen stattfinden können. Dazu ist ein umfassendes Sicherheitskonzept nötig.

Die Herausforderung besteht also darin, alle technisch relevanten Fragen, im Vorfeld zu klären, um sicherzustellen, dass die Software problemlos läuft und sich alle auf den Beratungsprozess konzentrieren können.

Aufgrund der räumlichen Distanz ergeben sich weitere Unterschiede gegenüber der FtF-Beratung. In der Online-Kommunikation fehlen nonverbale Signale wie Mimik und Gestik. Dadurch können evtl. für den Berater wichtige Informationen verloren gehen, die auch nicht über die Stimme erkannt werden können.

Ist sich der Berater nicht bewusst, dass der Informationsmangel zu Projektion und Imagination (Einbildung) führen kann, kann es zum „Wuchern der Imaginationen“ (Roesler 2015, S. 24), also zu unrealistischen Überhöhungen und Idealisierungen des Gegenübers kommen. Hier besteht die Gefahr, bei unreflektiertem Übernehmen der Projektionen zu Interpretationen zu kommen, die der Kunde evtl. als „Wahrheit“ übernimmt, ohne diese kritisch zu hinterfragen. Der Berater ist hier in der Verantwortung, dies zu erkennen und ggf. gegenzusteuern. Der systemische Berater hat hier also die Verantwortung, Hypothesen und Vermutungen als solche kenntlich zu machen und dem Kunden als Anregungen anzubieten.

Chancen und Möglichkeiten

In der VR handelt es sich um „ein technisch kontrolliertes, ein berechnetes und damit reduziertes Wahrnehmen“ (Enderlein 2002, S. 203). Diese Aussage spricht nicht gegen die Technik an sich, denn dieses reduzierte Wahrnehmen muss nicht nur negative Auswirkungen auf den Beratungsprozess haben. Die oben dargestellten Nachteile und Grenzen können sich zum Teil auch als Vorteil erweisen. Hier kommt es darauf an, wie der Berater mit den Gegebenheiten umgeht.

In der VR-Beratung stehen ihm weniger Informationen zu Verfügung, er befindet sich also immer in einer gewissen Position des Nicht-Wissens. Ein Gedanke Thierys ist gerade aus systemisch-konstruktivistischer Sicht betrachtenswert: Wo es ein „zu wenig“ an Informationsgehalt in einer Kommunikation gibt, kann es auch ein „zu viel“ sein, das eine fehlerhafte Informationsverarbeitung nach sich ziehen kann. Der Wegfall non- und paraverbaler Botschaften kann dazu führen, sich ohne Ablenkung auf die Sache konzentrieren zu können (vgl. Thiery 2014, S. 65). So kann ein Raum entstehen, das Anliegen mit systemischer Neugier von verschiedenen Blickwinkeln aus zu erkunden.

Aus dem Wissen um die Tendenz zur Projektion und Imagination bei Informationsmangel sollte der Berater während der Beratung selbst eine „gewisse imaginative Askese“ (Brunner 2009, S. 40) betreiben, um Irritationen zu vermeiden. Andererseits hat er aber auch die Chance, diese Bilder und Imaginationen mit dem Kunden zu thematisieren und sich mit ihnen aktiv auseinanderzusetzen (vgl. ebd.) und so zu neuen Perspektiven und Erkenntnissen zu kommen.

Es ist erforderlich, über Rückfragen immer wieder zu überprüfen, ob das, was vom Berater verstanden wurde, auch das ist, was der Kunde ausdrücken wollte. Daraus ergibt sich ein ständiges Hinterfragen der subjektiven Konstruktion des Beraters. So ist gewährleistet, dass der Kunde immer Experte für sein Problem bleibt und auch nur der Kunde die Lösung finden kann. Insofern trägt der Nachteil des fehlenden Blickkontaktes dazu bei, die systemische Herangehensweise umzusetzen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass der Berater sich dieser Verantwortung während des gesamten Beratungsprozesses gewahr ist.

Zur Klärung der Situation kann in der VR auch die Metakommunikation, also die Kommunikation über die Kommunikation, als nützlich erweisen, da der Berater so die Wirkung der Interventionen abschätzen kann. Der Kunden bekommt dabei die Chance zu erkennen, was sich bei ihm selbst während der Beratung abspielt (vgl. Bürgi und Eberhart 2004, S. 130).

Die visuelle Anonymität bewirkt eine größere Bereitschaft zur Selbstoffenbarung und Zuwendung. Brunner merkt hier an, dass „Ratsuchende in Onlinesettings schneller auf den Punkt kommen und (...) oftmals intime Themen eher angesprochen werden.“ (Brunner 2009, S. 37). Die beschriebene Einschränkung kann sich also als Vorteil erweisen, da sie zu einer Fülle neuer wertvoller Informationen gerade im systemischen Kontext führen kann.

Lernen und Veränderung wird unterstützt durch spielerisches Ausprobieren. Das Schlüpfen in einen selbst erschaffenen Avatar und die Interaktion in einem virtuellen Raum kann dieses Ausprobieren begünstigen, da die VR einen Spiel-Raum bietet, in dem neues Handeln auf Probe einfacher ist als in realen Räumen. Der Kunde kann dem Avatar so neue persönliche Eigenschaften wie größere Entscheidungsfreiheit, mehr Mut oder selbstbewussteres Auftreten zuschreiben, mit denen er dann experimentieren kann. In diesem Versuchsfeld für Veränderung können evtl. leichter neue Lösungen entstehen, die dann auch gleich eingeübt werden können. Der Berater kann zudem ggf. auch einfacher Reflexionen über das Selbstbild des Kunden anregen, eine ungezwungenere Auseinandersetzung mit der eigenen Person initiieren oder verschiedene Aspekte der Identität differenzieren (vgl. Benke 2009, S. 49). Er hat also die Gelegenheit, eine veränderte Person zu kreieren und damit neue Erfahrungen zu sammeln, also eine „Fiktion einer vorweggenommenen, geheilten Realität“ (Thiery 2014, S. 67) zu leben und damit eine neue Verhaltensweise zu lernen. Dieses neue Verhalten kann er dann in die Wirklichkeit übernehmen, denn das Gehirn kann nach Erkenntnissen aus der Neurobiologie nicht unterscheiden, wo die Erfahrung gemacht wurde, da es unabhängig von der Außenwelt die inneren Zustände selbst konstruiert. Als Risiko ist jedoch das Verwischen von realer und virtueller Identität zu sehen, das dann thematisiert werden müsste. In der Praxis ist sogar zu beobachten, dass z. B. Aufstellungsarbeit und Coaching oft zügiger abläuft. Die Beratung in der VR ist durch hohe Problemfokussierung und sachliche Bearbeitung gekennzeichnet und läuft oft sehr konzentriert ab, wodurch zum Teil schneller Ergebnisse erzielt werden können.

Ein Vorteil einer VR-Beratung ist die Ortsunabhängigkeit, so kann der Beratungsprozess fortgesetzt werden, auch wenn der Kunde z. B. versetzt wird oder für längere Zeit ins Ausland geht. Außerdem müssen keine langen Anfahrtszeiten mehr in Kauf genommen werden, was für Kunden, die nicht mobil sind oder weit entfernt von entsprechenden Angeboten wohnen, ein großer Vorteil sein kann. Nach der Sitzung ist er auch gleich wieder zurück im Arbeitszimmer, zu Hause usw.. Auch vorab skeptische Kunden berichten nach einer Sitzung, dass die Technik völlig in den Hintergrund getreten ist. Sie waren überrascht, wie gut diese Art der Beratung funktioniert und wie nachhaltig sie ist.

Fazit

Als Fazit kann Lewin zitiert werden: „Wirklich ist, was wirkt.“ (Lewin 1969, S. 41).

Die Beratung auf Distanz erscheint auf den ersten Blick unzulänglich, da die persönliche Begegnung fehlt, auf der eine Beziehung zwischen Berater und Kunde aufbauen kann.

In der Virtuellen Realität ist es jedoch möglich, einen realen Begegnungs-, Erfahrungs- und Lebensraum für die systemische Beratung zu schaffen, in der ähnlich wirksam gearbeitet werden kann wie in der FtF-Beratung.

Das VR-Setting ist zusammenfassend in Abbildung 2 dargestellt:


Abb. 2: Übersicht des VR-Settings (Schlagintweit 2016, S. 58)

Die VR-Welt kann als die Kommunikationsbühne betrachtet werden, auf der die Avatare miteinander agieren. Dabei entsteht eine direkte Beziehung zwischen Berater und Kunde in der Realität, auf der die vertrauensvolle Zusammenarbeit aufbauen kann.

Trotz der Kommunikation über ein technisches Medium kann die Einzigartigkeit des Gegenübers auf wertschätzende und einfühlsame Weise erkundet werden. Der Informationsmangel aufgrund der VR-Welt kann durch Nachfragen behoben werden.

Besonders geeignet erscheint die VR-Beratung als lösungsorientierte Kurzzeitberatung nach de Shazer (de Shazer 2015), um Unterstützung zur Bewältigung von problematischen Situationen zu geben. Denn Denkanstöße und Anregungen, um neue Ressourcen und Lösungen zu finden, können in der VR gut entwickelt werden. Mit diesen kann der Kunde dann selbstständig weiterarbeiten, denn das Wesentliche, also die Wirkung der Intervention, braucht Zeit und findet zwischen den Sitzungen statt (vgl. Schwing und Fryszer 2013, S. 323).

Die FtF-Beratung wird weiterhin einen bedeutenden Anteil im Beratungsgeschehen haben. Vor dem Hintergrund der Mediatisierung der Gesellschaft werden sich jedoch medienvermittelte Beratungsangebote weiter etablieren. Denn es gilt, die derzeitigen Lebensverhältnisse der Kunden einzubeziehen und dabei zu helfen, den Möglichkeitsraum zu vergrößern. Beratung darf darum nicht auf ein „entweder – oder“ hinauslaufen. In einem Blended-Counseling-Ansatz (hier gibt es noch keinen passenderen Begriff), der sowohl FtF- als auch Online- und VR-Beratung anbietet, kann jedem Kunden das zu ihm und zur Situation passende Beratungsangebot gemacht werden. Beratung sollte unter Schwings Motto stehen: „Genießen wir die systemische Vielfalt: Sie gibt uns Freiheit zu entscheiden, welches Modell zu uns passt. Vielleicht lassen wir uns von der konstruktivistischen Haltung anregen, nicht von falsch oder richtig auszugehen, sondern neugierig darauf zu schauen“ (ebd., S. 320), was möglich und viabel ist.

Jetzt sind Sie an der Reihe

Ziehen Sie den Einsatz von VR-Beratung in Betracht? Sie haben weitere Fragen dazu? Melden Sie sich gerne bei mir unter b@schlagintweit-beratung.de

Brigitte Schlagintweit

 

Literatur

Benke, K. (2009): Netz, Online-Kommunikation und Identität. In: S. Kühne und G. Hintenberger (Hg.): Handbuch Online-Beratung. Psychosoziale Beratung im Internet. 2. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 47–56.

Brunner, A. (2009): Theoretische Grundlagen der Online-Beratung. In: S. Kühne und G. Hintenberger (Hg.): Handbuch Online-Beratung. Psychosoziale Beratung im Internet. 2. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 27–45.

Bürgi, A.; Eberhart, H. (2004): Beratung als strukturierter und kreativer Prozess. Ein Lehrbuch für die ressourcenorientierte Praxis. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Enderlein, U. (2002): Wahrnehmung im Virtuellen – eine kulturwissenschaftliche Studie zur Konstruktion sinnlicher Wahrnehmung durch die Virtual Reality Technologie. Dissertation. Technische Universität, Darmstadt.

Lewin, K. (1969): Grundzüge der topologischen Psychologie. Bern: Huber.

Roesler, C. (2015): Die virtuelle therapeutische Beziehung. Ein kritischer Blick auf die Nutzung neuer Medien in der Psychotherapie (Vortrag). 6. Bayerischer Landespsychotherapeutentag. München, 09.05.2015.

Schlagintweit, B. (2016): Systemische Beratung im virtuellen Raum – Erfolgsfaktoren, Herausforderungen und Grenzen. Kaiserslautern, unveröffentl. Masterarbeit, Studiengang Systemische Beratung

Schwing, R.; Fryszer, A. (2013): Systemisches Handwerk. Werkzeug für die Praxis. 6., unveränd. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Schwing, R.; Fryszer, A. (2015): Systemische Beratung und Familientherapie. Kurz, bündig, alltagstauglich. 4., unveränd. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Shazer, S. de (2015): Der Dreh. Überraschende Wendungen und Lösungen in der Kurzzeittherapie. 13. Aufl. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag.

Thiery, H. (2014): Telematisierung des Alltags und der Beratung. Philosophische und mediensoziologische Skizzen zu den Möglichkeitsbedingungen digital vermittelter Beratung und Therapie. In: e-beratungsjournal.net - Fachzeitschrift für Onlineberatung und computervermittelte Kommunikation 10. Jahrgang (2), S. 55–82. URL: http://www.e-beratungsjournal.net/ausgabe_0214/thiery.pdf, Stand: 31.01.2016.

TriCAT: Coaching-Räume. Hg. v. TriCAT GmbH. Ulm. URL: http://www.tricat.net/tricat-spaces/start/raeume/page3, Stand: 31.01.2016.

von Schlippe, A.; Schweitzer, J. (2013): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I. Das Grundlagenwissen. 2. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.