Identität als Paradox in Bezug zu Inklusion

von Angelika Waldherr

Als Mitarbeiterin in Teilzeit eines Jugendamtes ist die Auseinandersetzung mit Identität – als Sammelbegriff dessen, woher ein Mensch kommt, was ihn beeinflusst und welches Bild er von sich selbst hat bzw. präsentiert, immer wieder im Fokus der Arbeit. Begriffe wie Anamnese, Biografie-Arbeit, Selbstbewusstsein etc., aber auch Krankheitsbild, Verhaltensauffälligkeit, Milieu usw. gehören zum täglichen Sprachgebrauch und dienen oft dazu, Identitäten festzuschreiben.

Dies führt mich gedanklich immer wieder zu einem Aspekt meiner Masterarbeit, in der Identität ein wichtiger Teilbereich war. Die Frage, ob eine systemische Sichtweise in der  Identitätsentwicklung eines Menschen neue Perspektiven und somit neue Erkenntnisse bietet, beschäftigt mich dabei immer wieder. Braucht es aus systemtheoretischer Sicht ein Identitätsbewusstsein um von einem System anerkannt zu werden, oder ermöglicht die Zugehörigkeit zu einem System überhaupt erst Identität? Dieser Fragestellung möchte ich im folgenden Text nachspüren und mich einiger Gedankengänge meiner Masterarbeit mit dem Titel „Inklusion durch die systemische Brille betrachtet“, bedienen.
Dabei fällt mir immer wieder aufs Neue auf, dass die Frage nach der Identität einer Person, eines Individuums immer dann auftaucht, wenn dieses sich in Beziehung zu einer sozialen Gruppe sieht bzw. die Frage der Zugehörigkeit gestellt wird.

Daraus ergibt sich die Frage, braucht das Individuum die Gemeinschaft um sich hieraus definieren zu können oder braucht die Gemeinschaft die Identität ihrer Individuen um sich daraus zu formen und zu beschreiben? Muss demnach Identität etwas sein, das sich in ein System einpassen lässt und von diesem vorgegeben wird, um dessen Operationen nicht zu stören oder sind gerade die Störungen durch nicht ganz konforme, bereits mitgebrachte Identitäten das, was ein System weiter bringt, was es irritiert und so im Fluss hält? Es entsteht ein Dilemma gleichsam der Frage, ob zuerst die Henne oder das Ei war.

Was aber deutlich wird, ist die Tatsache, dass es dabei stets um irgendeine Art von Zugehörigkeit, um Integration und Inklusion bzw. Exklusion zu einer Gruppe, Gemeinschaft, einem System geht.

In der modernen Gesellschaft kommt der Individualität im Sinne eines unverwechselbaren, selbstbewussten Individuums immer mehr Bedeutung zu. Nachdem zu früheren Zeiten vom Einzelnen viel mehr Anpassung erwartet wurde und dieser sich noch viel mehr in die Gemeinschaft eingefügt hat, entspricht es dem modernen Zeitgeist viel eher, originell, selbstbewusst und „anders“ zu sein. Vielfalt und Heterogenität wird als Ideal bewertet. Aber weshalb tut sich ein System dann mit Inklusion und Integration oft so schwer? Ist es möglich, beiden Anforderungen, der Anpassung als auch der individuellen Abgrenzung gerecht zu werden? Diesem Spannungsbogen soll im Folgenden nachgegangen werden.  Dabei ist es sinnvoll, den Begriff der Identität genauer zu untersuchen.

Erikson hat sich bereits in den 1950er Jahren intensiv mit  Identität auseinandergesetzt und weist dabei auf zwei Beobachtungen hin: „der unmittelbaren Wahrnehmung der eigenen Gleichheit und Kontinuität in der Zeit, und der damit verbundenen Wahrnehmung, dass auch andere diese Gleichheit und Kontinuität erkennen.“[1] Er meint damit einerseits die Beobachtung des Individuums von sich selbst und seiner Eingebundenheit in die relevante Gemeinschaft, andererseits die damit verbundene Fremdwahrnehmung. Er spricht in diesem Zusammenhang von der „Ich-Qualität der Existenz“. An anderer Stelle beschreibt er, dass sich die Identität in einer prozesshaften Wechselwahrnehmung zwischen ich (Subjekt) und den Anderen (Gemeinschaft) vollzieht.[2] Identität wird von Erikson als wesentlicher Teil der Sozialisation eines Menschen gesehen. Auch Abels weist auf zwei Seiten der Identität hin und schreibt, dass einerseits das Bewusstsein des Menschen von seiner Besonderheit und das damit einhergehende Bedürfnis, diese Einzigartigkeit auch zum Ausdruck zu bringen, gemeint ist. Andererseits ist aber auch die vom Individuum und den Anderen beobachtete Besonderheit gemeint.[3] In neueren Auseinandersetzungen wird diese Auffassung mit konstruktivistischen Überzeugungen[4] ergänzt. Keupp beschreibt Identität demnach als einen „Akt sozialer Konstruktion“, der sich als Passung zwischen  den zwei Dimensionen eines subjektiven "Innen" und dem gesellschaftlichen "Außen" vollzieht.[5] Er weist darauf hin, dass die individuelle Identitätskonstruktion auf dem Grundbedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit basiert und bezeichnet Identität als eine Kompromissbildung zwischen Eigensinn und Anpassung. Identität kann demzufolge, und hier entspricht die Auffassung weitgehend der Eriksons und Abels, als ein Produkt der Auseinandersetzung  zwischen Individualität und Sozialisation betrachtet werden, wird aber um die Konstruktionsleistung des Individuums ergänzt.

Damit dieses mehrfach beschriebene Spannungsverhältnis für den Einzelnen nicht zu Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit führt, ergibt sich für die Pädagogik die Aufgabe, diesen wechselseitigen Prozess zu unterstützen. Es liegt in der Verantwortung von Erziehung, beiden Dimensionen Raum zu verschaffen.

Damit tritt ein Paradox von Inklusion in Erscheinung, welches Luhmann prägnant zum Ausdruck bringt, indem er schreibt, dass Inklusion da deutlich wird, wo eine Person sich als Individuum heimisch fühlen kann.[6] Demnach liegt der Schlüssel für Inklusion im Sinne von Zugehörigkeit in der  Anerkennung der Individualität. Dagegen steht jedoch in der alltäglichen Pädagogik (und noch mehr in der Heil- und Sonderpädagogik) die allgemein anerkannte Absicht, den Menschen für die Gemeinschaft „fit“ zu machen. Sozialverhalten und Empathiefähigkeit sind wesentliche Eckpfeiler von Erziehung. Das ist ohne entsprechende Anpassungsleistungen nicht möglich. Daraus ergibt sich die Frage, ob dabei zwei Paradigmen aufeinander treffen. Die Grundfrage der Pädagogik bewegt sich somit immer zwischen Selbstbehauptung und Anpassung. Durch gesellschaftlich vielfach diskutierte  Inklusionsbestrebungen bekommt gerade diese Frage neue Brisanz. Häufige Kritik aus der Praxis an Inklusion ist, dass sich eine ganze Gemeinschaft auf die nicht selten als Zumutung empfundenen Eigenarten eines Einzelnen einstellen soll. Gibt es ein Gleichgewicht dazwischen?

Inklusion wird immer dann zum Thema, wenn es um drohende Exklusion geht, also um den Ausschluss aus einer Gemeinschaft, aus einem sozialen System. Das Spannungsverhältnis von Gemeinschaft und Individuum wird stets dort deutlich, wo eine Person, die sich auf irgendeine Weise von der Norm abhebt,  in der Gesellschaft oder zumindest in einem Subsystem von Gesellschaft (Familie, Betrieb, Schule etc.) „einen Platz zugewiesen bekommen soll“,[7] und wenn die Person sich dadurch in ihrer Individualität nicht geachtet und wertgeschätzt fühlt.

Durch eine besondere, normabweichende Individualität tritt die oben geschilderte Polarität zwischen Gemeinschaft und Individuum verstärkt hervor. Beim Blick auf diesen Sachverhalt bietet die Systemtheorie neue Perspektiven und Möglichkeiten der Reflektion an, die im Folgenden aufgezeigt werden sollen.

„Systemtheorie und Konstruktivismus die beiden theoretischen Modelle, die gemeinsam die Grundlagen für das liefern, was als „systemisches Denken“ bezeichnet wird“[8], bieten eine  neuen Denkrichtung und es werden Antworten möglich, wenn die althergebrachte und allgemein angenommene Logik an ihre Grenzen stößt. Im Allgemeinen basiert die Auffassung von Wahrheit, und dies gilt meist auch für Wissenschaft, auf einem dualen Prinzip. Eine Sache kann wahr sein oder nicht. Luhmann weist in seiner Systemtheorie dagegen konsequent darauf hin, dass es die Außenwelt als Bezugspunkt des Beobachters braucht,[9] aber dass er Realität nicht als eine abgebildete, objektive Realität versteht, sondern ausschließlich davon ausgeht, dass der Beobachter seine Realität konstruiert.[10] Dabei stützt er sich auf den Mathematiker Spencer-Brown[11] und dessen Theorie der Unterscheidungen. „Schon wenn man Erkennen erkennen will, muss man es ja von anderem unterscheiden können“,[12] schreibt Luhmann. Die Frage nach Subjekt, bzw. Objekt, um die sich viele der konstruktivistischen Lehren immer wieder drehen, ersetzt er durch die Unterscheidung System/Umwelt. Das führt dazu, dass die Außenwelt an sich nicht geleugnet werden kann,[13] der Beobachter aber stets seine Beobachtung aufgrund seiner Möglichkeiten „konstruiert“. Ergänzend zu diesem Zusammenhang stellt er fest, dass man seit Langem gewusst hat „daß das Gehirn qualitativ gar keinen und quantitativ nur sehr geringen Kontakt mit der Außenwelt unterhält“,[14] und erkennt darin eine Begründung der Theorie der Autopoiese, die auf die Biologen Maturana und Varela[15] zurückgeht und die von einer operationalen Schließung (Rekursivität) aller lebenden Systeme ausgeht. Als Operation wird dabei die Reproduktion der ereignishaften Elemente der Unterscheidung verstanden.[16] Durch den Grundsatz des Einschlusses wird die Basis für die Auseinandersetzung mit Inklusion bzw. Exklusion gelegt. Luhmann bemerkt, dass die Operation der Unterscheidung nur durch einen Beobachter beobachtet werden kann. Erst wenn sie von einem Beobachter beobachtet und bezeichnet wird, wird sie als Unterscheidung relevant. „Eine Beobachtung führt zu Erkenntnissen“, meint er, „wenn und soweit sie im System wiederverwendbare Resultate zeigt.“[17] Dadurch sind die Geschlossenheit und die Rekursivität des Systems festgestellt und ein konstruktivistisches Verständnis wird als Basis für systemisches Denken nachvollziehbar.

Mit dem Hinweis auf operativ geschlossene Systeme wird deutlich, dass die Systemtheorie darauf aufbaut, dass lebende Systeme als autopoietische Systeme verstanden werden. Mit dem Begriff der Autopoiese wird demnach eine allgemeine Theorie des Lebendigen beschrieben und beruht auf der Auffassung, dass alle lebenden Systeme sich dadurch am Leben erhalten, indem sie die Elemente, die sie erzeugen, wieder in das eigene System einführen. Dabei ist die operative Geschlossenheit eines solchen autopoietischen Systems wesentlich, da nur durch diese Geschlossenheit das System intern operieren kann. Die Theorie lässt jedoch nicht den Schluss zu, dass zur Umwelt keine Beziehungen bestehen. Diese wirken aber nicht in das System hinein, sondern beeinflussen in Form von Irritationen. Valera und Maturana sprechen hier von Strukturkoppelung, die durch Irritation, in diesem Zusammenhang Pertubation genannt, erfolgt.[18] Luhmann bezieht sich in seiner Theorie auf soziale Systeme, die als rekursiv geschlossene Systeme in Form von Kommunikation operieren. Diese grenzt er klar von psychischen Systemen ab, deren Operationsform das Bewusstsein ist. Wesentlich dabei ist, dass besagte Systeme in fortlaufender doppelter Kontingenz[19] aufeinander wirken, womit die gegenseitige Abhängigkeit oder Bedingtheit der Reaktionen zweier oder mehrerer Systeme aufeinander gemeint ist.[20]

Der beschriebene Prozess lebt zwar von der gegenseitigen Irritation, aber unter dem steten Bewusstsein, dass nichts in ein System eindringen kann was dort nicht schon angelegt worden ist oder schon in irgendeiner Form besteht. Dadurch wird die absolute Autonomie eines jeden sozialen Systems begründet. „Die Unterscheidung Inklusion/Exklusion ist eine systeminterne Unterscheidung“,[21] schreibt Luhmann. Diese Annahme lässt darauf schließen, dass Inklusion nicht von außerhalb des Systems beeinflusst, also nicht verordnet werden kann.

Aber was bedeutet dies aus systemischer Sichtweise nun für Identität bzw. für eine individuelle Identitätsentwicklung? Heißt das nicht, dass Identität  nur systemintern entstehen kann?

Wie bereits erwähnt, geht Luhmann davon aus, dass psychische und soziale Systeme absolut unterschiedliche Systeme sind, die sich aufgrund ihrer operationalen Schließung und ihrer unterschiedlichen Operationsweise gegenseitig nicht verändern können. Sie müssen demnach auch getrennt beobachtet werden. Das lässt jedoch nicht den Schluss zu, dass sie unabhängig voneinander existieren. Es ist vielmehr so, dass sie in Co-Evolution zueinander bestehen, indem sie sich ständig gegenseitig irritieren. „Geht man von diesem Konzept aus, kann Individualität nichts anderes sein als die zirkuläre Geschlossenheit dieser selbstreferentiellen Reproduktion“,[22] schreibt Luhmann dazu. Daraus lässt sich ableiten, dass jedes psychische System soziale Systeme benötigt, in die es eingebettet ist und aus denen es Anregung und Anstoß bekommt, und umgekehrt. Nur durch diese Anregungen, Impulse und Irritationen kann ein Individuum Vorstellungen in Bezug auf sich selbst sowie in Bezug auf seine Umwelt entwickeln, welche wiederum im Kontakt zur Umwelt erfüllt oder enttäuscht werden. Das heißt also, dass Identitätsentwicklung stets in Bezug auf sein jeweiliges System verstanden werden muss. So muss die psychische Identität nicht gleichgesetzt werden mit der sozialen Identität, sondern kann nur in seinen jeweiligen systeminternen Bezugspunkten beobachtet werden. Das löst nun zwar das Paradox von Individualität und Anpassung bei der Frage nach Identität nicht auf, bietet aber neuer Gesichtspunkte der Beobachtung und somit der Reflektion. Dies kann helfen, sich und seine Reaktionen besser zu verstehen, indem durch neue Perspektiven neue Beobachtungsbezüge hergestellt werden können.

Abschließend möchte ich mit einem Zitat von Deborah Feldmann, die sich im Schlusswort ihres Buches „Überbitten“ auf Czeslaw Milosz beruft und feststellt, „dass Identität zwar das meint, woher wir stammen, dass sie uns aber nicht vorschreiben darf, wohin wir gehen werden.“[23]

 

Wenn auch für Sie Identität ein spannendes Thema darstellt, wenn Sie Fragen in Bezug zur eigenen Identität, zu Inklusion und Exklusion haben, wenn das Paradox von Individualität und Anpassung Sie neugierig macht, oder wenn sie einfach mehr über systemische Fragestellungen wie diese erfahren möchten, so stehe ich ihnen gern zur Verfügung.

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Referenzen

[1]  Erikson 1973, 18.
[2]  Vgl. ebd. 124.
[3]  Vgl. Abels 2006, 43.
[4]  Auf konstruktivistische Annahmen in Beziehung zu Inklusion wird in Kapitel 3.1 eingegangen.
[5]  Vgl. Keupp 2000.
[6]  Vgl. Luhmann 1998, 621.
[7]  Vgl. Luhmann 1998, 621.
[8]  Ebd. 12.
[9]   Vgl. Luhmann 1990, 40.
[10]  Vgl. Berghaus 2001, 27.
[11]  Hier sei auf Georg Spencer Brown verwiesen: Brown 1972.
[12]  Luhmann 1990, 34.
[13] Hierzu schreibt Luhmann: „Wenn ein erkennendes System keinerlei Zugang zu seiner Außenwelt gewinnen kann, können wir deren Existenz bestreiten, aber ebenso gut mit mehr Plausibilität daran festhalten, daß die Außenwelt so ist wie sie ist. Beide Varianten sind unbeweisbar“ Luhmann 1990, 37.
[14]  Luhmann 1990, 36.
[15]  Ergänzend hierzu: Maturana und Varela 2009.
[16]  Luhmann 1984, 79.
[17]  Ebd. 40.
[18]  Vgl. Maturana und Varela 2009, 113.
[19]  Vgl. hierzu: Luhmann 2002, 303 ff.
[20]  Vgl. Luhmann 1995, 145.
[21]  Luhmann 1995, 244.
[22]  Ebd. 357.
[23] Feldmann Deborah 2017

Literatur

Abels, Heinz. Identität. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 2006.

Berghaus, Margot. Luhmann leicht gemacht. Wien: Böhlau Verlag, 2001.

Erikson, Erik H. Identität und Lebenszyklus. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1973.

Feldman, Deborah. Überbitten. Zürich: Secession Verlag, 2017.

Luhmann, Niklas. Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1998.

—. Einführung in die Systemtheorie. Herausgeber: Dirk Baecker. Bd. 6.Auflage 2011. Heidelberg: Carl-Auer Verlag, 2002.

—. Soziale Systeme, Grundriss einer allgemeinen Theorie. Bd. 15.Auflage 2012. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1984.

—. Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch. Bd. 6. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 1995.

Maturana, Humberto R., und Francisco J. Varela. Der Baum der Erkenntnis. Frankfurt am Main: S. Fischer-Verlag, 2009.