„Was bedeutet systemisch, wenn es eine einheitliche systemische Theorie gar nicht gibt?“

von Cornelia Hiby-Arold

Der Beginn eines Studiums. Ein Masterstudium über Systemische Beratung. Die Aufgabenstellung ermöglicht mir mich zusätzlich mit dem Thema zu beschäftigen. Was bedeutet „systemisch“, wenn es keine einheitliche systemische Theorie gibt? Beim Lesen des Themas entstand in mir spontan die Frage: Ist diese Aussage gesichert, dass es keine einheitliche Theorie gibt? Nähert man sich über die Definition der einzelnen Begriffe dem Thema, wird einem aus der Vogelperspektive klar, dass sich zunächst ein Widerspruch ergibt.

Als „Theorie“ wird zum einen das systematische, nach bestimmten Prinzipien geordnete Beobachten und Erklären der Realität bezeichnet. Zum zweiten nach wissenschaftlichen Aussagen ist eine Theorie aufgrund empirischer Befunde in der Lage, das eintreten von Ereignissen mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit vorauszusagen. Die Ganzheit einer Menge von Elementen und deren Relation zueinander werden als „System“ bezeichnet. „Einheitlich“ wird als nur einmal vorhanden, sprich uniform benannt. Betrachtet man es so, dass es nur eine Realität gibt, die unter bestimmten immer gleichen Bedingungen reproduzierbar und jedes System in sich als Ganzes geschlossen, ist dieser Komplex schon als Einheit zu sehen. Somit müsste die Annahme, dass es keine einheitliche systemische Theorie gibt falsch sein, denn die Begriffserklärungen lassen auf etwas konkret, gesichertes schließen.

Nach meiner Beurteilung ist dies anhand von allgemeinen Begriffserklärungen nicht ausreichend ergründet. Mir fiel bei meinen Recherchen auf, dies ist die Ursprungsannahme über technische Systeme. Diese verstehen unter einem `System` eine Anzahl von Elementen, die über geschlossene, lineare Rückkopplungsmechanismen und über Regelkreise verfügen. Wie kam es nun zu dieser Annahme, dass es keine einheitliche systemische Theorie gibt? Gehe ich von der Entwicklung eines technischen Systems aus, z. B. eine automatische Klimaanlage, stellt sich hier plötzlich die Frage mit welchen Kommunikationssystemen dieses Gerät arbeitet, um die gewünschte gleichbleibende Temperatur trotz wechselnder Außentemperaturen zu erreichen. Hier beginnt der Bereich der Kybernetik, begründet von Norbert Wiener. Dieser neue Ansatz, auf der Suche nach Kommunikationen und Steuerungen in selbstregulierenden Systemen, findet nach und nach in anderen Disziplinen Verwendung. Beim System Wetter kommt dieser Ansatz an seine Grenzen. Ist dieses System selbstregulierend? Ich meine nein. Das Wetter ist. Wir alle kennen die Wettervorhersage, beeinflussen können wir das Wetter nicht. Dieses System ist daher nicht grundsätzlich berechenbar. Foerster formuliert daraus, dass komplexe Systeme und deren Verhaltensmöglichkeiten unbestimmbar sind, da jeder Input den inneren Zustand des Systems verändern kann. Jedoch ist zu bedenken, was heute als Input eine Reaktion auslöst, kann morgen nichts bewirken. Es gibt somit keine Unterscheidung zwischen Input als Ursache und Output als Wirkung. Aus diesem Grund sind komplexe Systeme offen, d. h. sie haben Möglichkeiten für neue Ordnungsmuster, passen sich Veränderungen an. Dies widerlegt die Reproduzierbarkeit einer Theorieanforderung – also doch kein Widerspruch?

Nun wer bewertet nun was Input, Ursache, Output und Wirkung ist? Das System selbst? Nein, Foerster beschreibt verschiedene Formen von solchen komplexen Systemen. Da ist das pfadabhängige System, welches von seiner Systemvergangenheit abhängt und das Umwelt-Offene System, welches sich unter Verbrauch von Energie an seine Umwelt anpasst um eine stabile Ordnung beizubehalten. Als Beispiel fällt mir da die Anpassung der Flora an die Fauna ein. Doch wer sieht die Veränderungen und beurteilt sie? Ich denke eine Pflanze aus dem Pflanzensystem wird nicht feststellen dass sie sich angepasst hat. Auch diese Pflanze ist. Diese Veränderung wird außerhalb der Pflanze wahrgenommen – aus ihrer Umwelt, von einem Beobachter. Durch was? Aufgrund von Unterscheidungskriterien. Diese können wir jedoch nur durch eine subjektive Wirklichkeit konstruieren. Somit ist uns der Zugang zur Wahrheit verschlossen und das Ergebnis sind viele unterschiedliche Wirklichkeitsbeschreibungen. Foerster und Glasersfeld behaupten daher: „Die Umwelt, die wir wahrnehmen, ist unsere Erfindung“ (von Foerster u. Glasersfeld 1999, S.25). Daher gibt es eben nicht nur eine Realität und die Annahme, dass es keine einheitliche systemische Theorie gibt, scheint wieder bestätigt. Stopp, wer beobachtet und bewertet nun, der Beobachter oder das System?

Gehe ich davon aus, dass Beobachter auch ein System und umgekehrt sein können, muss ich mich von dem bisher vorausgesetzten dualen Bild verabschieden, welches sich nach Giddens in erkennende Subjekte und erkennende Objekte teilt. Ebenso muss ich einkalkulieren, dass die Beobachtung abhängig ist von der Art und Weise der Wahrnehmung. Z. B. durch welche Brille geschaut wird. Vielleicht ist sie gar rosa? Dies bestätigt den Schluss von Foerster und Glasersfeld im übertragenen Sinn: der Beobachter macht die Beobachtung.

Die Begriffe Einheit, System und Theorie sind Grundbestandteile dieses Essays. Als Begriffe definiert belegen sie wohl die Annahme, dass es keine einheitliche systemische Theorie gibt, da zu abhängig, unterschiedlich und verwirrend. Was bedeutet nun aber systemisch in diesem Kontext?

Nehme ich den Satz: „der Beobachter macht die Beobachtung“ her, dann stellt sich mir die Frage, wo ist hier die Grenze? Hier hat Luhmann seinen Ansatz gefunden. Nach seiner Ansicht kann kein System unabhängig von seiner Umwelt definiert werden. Ein System operiert um bestimmte Probleme zu lösen, in erster Linie im Bestreben seine Komplexität zu reduzieren. Dafür wird es zu ständiger Selektion gezwungen. Durch diese Operation des Systems wird genau da die Grenze zur Umwelt gezogen. Diese Differenzierung des Systems ermöglicht es zu erkennen, welche Umwelt eben nicht dazugehört. Luhmann beschreibt dass die Möglichkeiten der Umwelt immer vielfältiger sind, als die die durch das System aktualisiert werden können. Dies bedeutet auch, alles was nicht Teil des Systems ist, gehört zur Umwelt. Luhmann erklärt zudem, dass kein System die Möglichkeit hat, außerhalb seiner Grenzen zu operieren. Habe ich eigentlich nicht dem dualen Bild adieu gesagt? System und Umwelt. Ja, denn hier gibt es als drittes den Beobachter, der in diesem Kontext angeben muss, ob er jeweils das System oder dessen Umwelt meint, die sogenannte Systemreferenz. Des weitern kann auch innerhalb von Systemen eine Unterscheidung von System und Umwelt vorgenommen werden. In diesem Fall stellt das übergeordnete System selbst die Umwelt für das ausdifferenzierte Teilsystem dar. Stellen Sie sich hier ein Wirtschaftssystem mit seinen verschiedenen Branchen vor. Alle Teilsysteme sind ebenso den gleichen Komplexitätsreduzierungen zur Sicherung seiner Ordnung unterworfen. Luhmann fasst es folgend treffend zusammen: „ Alles was vorkommt, ist immer zugleich zugehörig zu einem System (oder zu mehreren Systemen) und zugehörig zur Umwelt anderer Systeme.“ (Luhmann, 1999, S. 243) Und „Jede Änderung eines Systems ist Änderung der Umwelt anderer Systeme; jeder Komplexitätszuwachs an einer Stelle vergrößert die Komplexität der Umwelt für alle anderen Systeme.“ (Luhmann, 1999, S. 243)

Um es griffiger zu machen, möchte ich den Begriff „System“ selektieren. Es gibt mechanische, biologische, kognitive, soziale und einige andere Systeme. Es ist davon auszugehen, dass jeder Systemtypus operational geschlossen ist. Dies bedeutet, er ist in seiner Produktion und Reproduktion auf spezifische, Existenz erhaltende und fortschreibende Prozesse begrenzt. Dies beschreibt den Begriff der Autopoiesis. - Was hat das nun mit `systemisch` zu tun?

Nun, der chilenische Biologe Humberto Maturana hat diesen Begriff der Autopoiesis im Hinblick auf lebende Systeme formuliert. Luhmann nahm diesen Begriff auf und übertrug ihn auf soziale Systeme, die er um die Differenzierung biologische Systeme und psychische Systeme erweitert. Interessant ist hier, dass er den Menschen für sich selbst und für Beobachtende als eine Einheit beschreibt, er selbst jedoch kein System ist. Vielmehr hat der Mensch Anteil an verschiedenen Systemtypen. - Ist das mit `systemisch` gemeint? Ich meine nein. Ist es vielleicht das Organisationsprinzip von autopoietischen Systemen? Ich will einen Versuch wagen. Bei diesen Systemen handelt es sich um Selbstschöpfungen oder Selbstorganisationen. Sie erzeugen nicht nur ihre Strukturen, sondern auch ihre Elemente aus denen sie bestehen selbst. Als Beispiel kann hier die Zelle dienen. Sie realisiert leben und diese Operation findet innerhalb des Systems statt. Somit ist dieses System operativ geschlossen. Bemerkenswert ist hier, dass die Umwelt keinen Beitrag zu dieser Selbstschöpfung, im Sinne der Erhaltung des Systems als solches, leistet.  Diese Selbstschöpfung als Prozess setzt Strukturen voraus. Nicht als zeitlich beständige oder starre Struktur. Vielmehr als erwart-, wiederholbare oder bevorzugte Kommunikation, durch eine durch das System selbst aufgebaute Struktur. Ein System kann keine Strukturen importieren. Welche Rolle spielt nun die Umwelt in diesem Kontext? Da außerhalb von diesem System keine Kommunikation stattfindet, wird von einer operativen Geschlossenheit von autopoietischen Systemen gesprochen. Diese Schließung ermöglicht die Unterscheidung des Systems von seiner Umwelt, insbesondere wenn es um seine Existenz zu sichern, evtl. strukturell an seine Umwelt gekoppelt und auf Kompatibilität mit dieser angewiesen ist. Daraus folgt der Schluss, dass sich kein System über seine Operation mit der Umwelt verbindet. Die Umwelt aber ein System bei seinen Operationen „verstören“ kann, eben Strukturveränderungen nur auslöst und diese weder determiniert noch instruiert. Daraus lässt sich ableiten, dass von einer strukturellen Koppelung auszugehen ist die wechselseitige Strukturveränderungen auslöst.

Es geht vielmehr um die Bestandteile und Relationen, welche im Prozess der Operationen Verwendung finden und eben durch diese produziert/reproduziert werden. So ist die Beziehung zwischen System und Umwelt nur indirekter und restriktiver Natur. Damit setzten System und Umwelt den Rahmen der jeweils möglichen eigenen Operationen. Dennoch ist die Geschlossenheit des Systems die Voraussetzung für seine Öffnung. Dies bedeutet, dass aufgrund dieser Autonomie und der Ziehung von Grenzen zur Umwelt das System in der Lage ist, sich von ihr zu unterscheiden. Die Unterscheidung von System und Umwelt hat jedoch einen Beobachter zur Bedingung, denn nur er kann Kausalbeziehungen zwischen System und Umwelt feststellen. Sämtliche Aussagen über autopoietische Systeme beziehen sich über den Verlauf der Systemoperationen, die von komplexen Systemen durchaus in einer Beobachterrolle selbst getroffen werden können. Die Beobachtung als solche ist in der Lage zu unterscheiden was innere Prozesse des Systems sind und was zur Umwelt gehört. Hier wird das Beobachten grundsätzlich  im Sinn von Unterscheiden und Bezeichnen verwendet. Das Beobachten selbst wird als eine Operation eines Systems verstanden, und ist im Rahmen der autopoietischen Selbstreproduktion dieser Beobachtung gegenüber blind. Die Tatsache, dass dem Beobachter die zu beobachtende „Welt“ nicht auf dem Serviertablett geliefert wird und er vielmehr erst unterscheiden und bezeichnen muss, und Differenzierungen nicht auf wahr und unwahr/ Recht oder Unrecht  überprüfbar sind, machen den Bedarf eines weiteren Beobachters notwendig. Es wird von einem Beobachter zweiter Ordnung gesprochen, der ein Augenmerk auf den ersten Beobachter hat.

Wie wird nun ein „Schuh“ daraus? Was soll diese Struktur? Nehmen wir ein soziales System, dessen Operation die Kommunikation ist. Im Kontext der oben genannten Strukturen bedeutet dies, dass jede Kommunikation zugleich kommunizieren muss, erstens das es sich um eine Kommunikation handelt, zweitens wer kommuniziert und drittens was kommuniziert wird. Somit beobachtet sich jede Kommunikation selbst in der Differenzierung über Information, Mitteilung und Verstehen. Dieses alles ist die operative Bedingung, dass eine Kommunikation zustande kommt, jedoch nur im autopoietischen Kontext der Reproduktion von Kommunikation durch Kommunikation.

Was bedeutet nun `systemisch` im gestellten Kontext, dass es keine einheitliche systemische Theorie gibt?  Dieses `systemisch` in den Grundannahmen verstanden von: es gibt kein richtig oder falsch; es gibt keine normative oder objektive Zweckmäßigkeit und es ergründet was lebbar ist; baut es seinerseits Strukturen auf. Im Mittelpunkt dieses `systemisch` ist die Autopoiesis, die keinen Unterschied zwischen Erzeuger und Erzeugnis, zwischen Sein und Tun kennt.

Luhmann und Baecker weisen darauf hin, dass ein System nur mit selbst aufgebauten Strukturen operieren kann. Maturana spricht von strukturdeterminierten Systemen, die einer Prozesshaftigkeit unterworfen sind und sich im Wechselspiel von Struktur und Prozess co-produziert oder co-evolutioniert. Durch diese autopoietische Operationen des Systems entsteht das System. Das ist `systemisch` im Sinne der Aufgabenstellung, denn hier ist vielmehr die Erzeugung einer Differenzierung von Systemen und Umwelt unter Einbeziehung der Beobachter erster und zweiter Ordnung relevant. Unter diesem Blick kann eben auch von einer einheitlichen systemischen Theorie gesprochen werden, die sich in einem ständigen „Work – in – Progress“ befindet.

 

Literaturverzeichnis

-        Berghaus Margot, „Luhmann leicht gemacht“, Köln, 3. Auflage, S. 32 ff.

-        Claudio Baraldi, Giancarlo Corsi, Elena Esposito, „Glosar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme“, Frankfurt am Main, 1. Auflage,1997, S.29 ff./ 189 ff.

-        Kneer Georg, Nassehi Armin, „Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme“, Paderborn, 4. Auflage, S. 26ff.

-        Niklas Luhmann, „Soziale Systeme“ , Frankfurt am Main, 7. Auflage, 1999 S. 36 /44 ff./ 243/ 244/ 377 ff.

-        Niklas Luhmann, „Die Gesellschaft der Gesellschaft“, Frankfurt am Main, Teilbd. 1, 1998, S. 60 ff./ 413 ff.

-        Niklas Luhmann, „Die Wirtschaft der Gesellschaft“, Frankfurt am Main, 2. Auflage, 1996, S. 283, Fußnote

-        Niklas Luhmann, „Die Wissenschaft der Gesellschaft“, Frankfurt am Main, 3. Auflage, 1998, S.163 ff./ 302 ff.

-        Schubert Klaus, Martina Klein, „Das Politiklexikon“, 5. aktual. Aufl., Bonn, 2011